Investieren in Russland (Teil 2)

Im 1. Teil meiner Artikelserie über Investitionen in Russland habe ich kurz die Frage der Rechtssicherheit angesprochen, nun geht es weiter mit der

2. Standortauswahl

Die wichtigsten bekannten Faktoren für die Auswahl des Standortes für eine neue Produktionsstätte sind allgemein bekannt und resultieren letztendlich in der Frage der entstehenden Kosten. Der Aufbau einer neuen Fabrik muß sich betriebswirtschaftlich rechnen, daher untersucht man vorrangig die Nähe von Rohstoffen und Lieferanten, die Lage und Größe der vorhandenen Absatzmärkte, das Vorhandensein einer entwickelten Infrastruktur (Verkehr, Versorgung, Energie etc.), Human Ressources, aber auch solche Standortfaktoren wie Kultur- und Bildungsangebot, sowie Freizeitmöglichkeiten.

In Russland sind alle diese Faktoren ebenso relevant wie an jedem beliebigen anderen Standort auf der Welt. Doch gibt es zahlreiche Risikofaktoren, die man auf keinen Fall außer Acht lassen darf.

  1. Eigentumsverhältnisse – bevor man sich entschließt ein Grundstück zu erwerben, sollte man sich sehr genau über die Eigentumsverhältnisse, die Voreigentümer etc. informieren. Ich würde damit eine in Russland ansässige deutsche Anwaltskanzlei beauftragen.
  2. Kategorie des Grundstückes – oft wird in Russland Greenfield angeboten (auch von einigen Industrieparks), welches landwirtschaftliche Nutzfläche ist. Die Überführung dieses Landes in Industrieland ist ein äußerst aufwendiger, bürokratischer und kostenintensiver Prozess, der im günstigsten Fall 1,5 bis 2 Jahre in Anspruch nimmt. Welche Probleme dies außerdem mit sich bringen kann hat der ehemalige Generaldirektor von IKEA Russland in seinem Buch „IKEA liebt Russland“ beschrieben (siehe auch meinen Artikel zu diesem Thema). In der Region Moskau sind z.B. nur 2% des Grund und Bodens Industrieland. Also unbedingt darauf achten, daß das angebotene Grundstück zur Kategorie Industrieland gehört. Auch wenn oft der Anbieter und sogar die örtlichen Staatsorgane behaupten, die Umwandlung sei kein Problem, so spricht doch die Erfahrung vieler Firmen dagegen.
  3. Elektroenergie – was nur wenige ausländische Unternehmen beachten – in Russland muß vielerorts die Bereitstellung von Elektroenergie bezahlt werden. Also nicht die Elektrizität an sich, sondern eine Quote, um diese Energie überhaupt zu erhalten. Die Preise für diese Quote können sich in Abhängigkeit vom Standort zwischen 15.000 und 40.000 Rubel pro Kilowatt bewegen (im Moment etwa 380 – 1030 Euro pro Kilowatt). Wenn man also für seine Produktion z.B. 2 Megawatt Elektroenergie braucht, hat man im ungünstigsten Fall plötzlich Zusatzkosten in Höhe von über 2 Mill. Euro. Man sollte also bei Abschluß eines Kaufvertrages über ein Grundstück oder Objekt die kostenlose Bereitstellung einer Quote für Elektroenergie mit in diesem Vertrag fixieren. Sogar wenn diese Quote für ein Objekt (z.B. einen Industriepark) vorhanden ist, wird diese oft hinterher an die Residenten verkauft. Das Gleiche gilt auch für Gas und Wasser.
  4. Logistische Infrastruktur – Logistik und Supply Chain Management sind in Russland immer noch ein riesiges Problem. Deshalb sollte ein interessiertes Unternehmen darauf achten, das am erwählten Standort die entsprechende verkehrstechnische Infrastruktur vorhanden ist – die Zufahrtsstraßen für entsprechende Lastzüge ausgelegt sind und ein Eisenbahnanschluß bereits vorhanden ist. Wenn es sich um ein Greenfield-Projekt handelt kann es passieren, daß Zufahrtsstraßen, die der Investor selbst baut, an den russischen Staat kostenlos übergeben werden müssen. Wenn Sie einen Eisenbahnanschluß brauchen, versichern Sie sich vorher, das dieser bereits vorhanden und von der Russischen Eisenbahn genehmigt ist, da es ziemlich schwierig ist, eine solche Genehmigung zu erhalten.
  5. Arbeitskräfte – die Russen sind sehr umzugsscheu. Im Vergleich zu Deutschen und erst recht zu den Amerikanern sind Russen nur sehr schwer dazu zu bewegen mit Kind und Kegel von ihrem Heimatort wegzuziehen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Ersten gibt es in Russland kein Mietsystem, wie wir es aus Deutschland kennen. Zu Zeiten der Sowjetunion wurden Wohnungen zugeteilt. Mit dem Beginn der Marktwirtschaft hat der russische Staat seinen Bürgern die Wohnungen, in denen sie gelebt haben, geschenkt. Hat jemand danach eine Wohnung gekauft, geerbt oder geschenkt bekommen – so kommen aus diesem Kontingent vorrangig die Wohnungen, die vermietet werden. Meistens geschieht dies in einer Grauzone des Wohnungsmarktes, zu hohen Preisen (besonders in Moskau und anderen Großstädten) und ohne Steuern an den Staat zu zahlen. Zum Zweiten ist vielen Russen das Risiko des Verkaufs ihrer privatisierten Wohnung und des Kaufs einer anderen Wohnung zu groß, weil es viel Betrügereien auf dem Wohnungsmarkt gibt. Ein weiterer Grund ist die Registrierung (прописка) , die jeder, der in Russland lebt, haben muß – ein unangenehmes Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Wenn also jemand umziehen möchte, muß er die Registrierung an seinem alten  Wohnort löschen und sich am neuen Wohnort registrieren lassen. Klingt ganz simpel, ist es aber nicht, da man am neuen Wohnort Wohnfläche und das Einverständnis des Eigentümers des Wohnraumes nachweisen muß. Wenn man die Wohnung aber mietet, so wird der Eigentümer niemals zulassen, daß sich seine Mieter in der Wohnung registrieren, da sie dann Miteigentümer der Wohnung werden könnten. Kurz und gut – wenn man in Russland eine Produktion ansiedeln möchte, sollte man vorher kontrollieren, ob genug freie Arbeitskräfte vor Ort vorhanden sind. In der Region Kaluga z.B., die zahlreiche deutsche Unternehmen als Standort favorisieren, wird das Problem mit den fehlenden Kadern bereits ziemlich akut.
  6. Entfernung zu Moskau – Russland ist ein absolut zentral regiertes Land und alle wesentlichen Entscheidungen werden in oder über Moskau gefällt. Alle Finanzströme des Landes fliessen über die Hauptstadt.  Das bedeutet für Unternehmen, die in Russland erfolgreich agieren wollen, daß man in Moskau vertreten sein muß. Wenn es sich eine Firma leisten kann, eine Vertretung in Moskau und eine Produktion weit weg von der Hauptstadt zu finanzieren, so soll sie es tun. Wenn aber ein mittelständisches Unternehmen sich nur einen Standort und einen Geschäftsführer hier leisten kann, so sollte man in der Region Moskau suchen. Dabei muß man allerdings auch in die Kostenrechnung aufnehmen, daß die Region Moskau vergleichsweise teuer ist und auch die Löhne höher sind, als anderswo in Russland.

Es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Feinheiten, die aber in jedem konkreten Fall variieren. Für Fragen und Anregungen, stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Im 3. Teil dieser Serie werde ich weitere Gesichtspunkte beleuchten, die man in Russland beachten sollte.

Für Fragen zu diesem Thema und weiteren Themen im Zusammenhang mit einer Geschäftstätigkeit in Russland, sowie für eine Unterstützung beim start-up in Russland, stehe ich Ihnen jederzeit gern zur Verfügung.

Dr. Peter Gebhardt

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5 Antworten

  1. […] Investieren in Russland (Teil 2) […]

  2. […] This post was mentioned on Twitter by eisenbahn. eisenbahn said: Investieren in Russland (Teil 2) « Industriepark's Blog: Wenn Sie einen Eisenbahnanschluß brauchen, versichern Sie… http://bit.ly/cBVZQD […]

  3. Sehr ausführlich vielen Dank! und wir warten auf der nächste Teil 🙂

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Der nächste Teil kommt in der nächsten Woche und ist den verschiedenen Rechtsformen von Gesellschaften in Russland gewidmet. Da mich immer wieder Fragen zu diesem Thema erreichen, habe ich beschlossen, diesen Themenbereich doch etwas ausführlicher zu gestalten.

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